27. Juli 2022

Erhöhung der Leitzinsen: Welches sind die kurz- und mittelfristigen Aussichten?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat soeben die erste Leitzinserhöhung seit 2011 angekündigt. Wir haben William Telkes, Chief Economist und Vice President, Head of Private Banking von Spuerkeess gebeten, die Strategie der EZB zu kommentieren und uns mitzuteilen, wie hoch die Zinsen im Jahr 2023 liegen dürften.

Die EZB hat soeben eine Erhöhung ihrer Leitzinsen angekündigt. Warum trifft sie diese Entscheidung und kommt die Zinswende überraschend?

Am 9. Juni erwähnte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, auf einer Pressekonferenz in Amsterdam eine Reihe von Leitzinserhöhungen ab ihrer nächsten geldpolitischen Sitzung am 21. Juli. Es handelt sich um einen historischen Wendepunkt für die gemeinsame Geldpolitik, denn dies wäre die erste Zinserhöhung seit 2011. In ihrer Rede sprach Christine Lagarde von einer Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte im Juli und einer Anhebung um sehr wahrscheinlich 0,5 Punkte im September.

Obwohl Christine Lagarde im Juni sehr genaue Angaben machte, beschloss die EZB schließlich anlässlich ihrer geldpolitischen Sitzung im Juli aggressivere Schritte. Trotz der Ankündigungen hob die EZB ihre Leitzinsen um 50 Basispunkte an und meinte, weitere Erhöhungen seien sehr wahrscheinlich. Zudem signalisierte sie, die „Forward Guidance“ aufgeben zu wollen, da alle zukünftigen Entscheidungen von der Entwicklung der Wirtschaftsdaten abhängen.

Angesichts der Tatsache, dass der Einlagenzins vor der Entscheidung im Juli bei -50 Basispunkten lag und gleichzeitig die Markterwartungen berücksichtigt wurden, dürften diese verschiedenen Zinserhöhungen bis zum Jahresende den Leitzins auf über 100 Basispunkte anheben. Die EZB geht also schrittweise vor.

Hervorzuheben ist, dass bereits Anfang Juli mit der Straffung der Geldpolitik begonnen wurde, als die EZB die verschiedenen geldpolitischen Stützungsmaßnahmen in Form von Anleihenrückkäufen einstellte, um die im Umlauf befindliche Geldmenge zu verringern.

Diese Kursänderung war letztlich keine Überraschung, da das Ziel darin besteht, der galoppierenden Inflation, die wir seit mehreren Monaten beobachten, entgegenzuwirken. In den letzten zwei Monaten betrug die Inflation im Euroraum über 8 Prozent, das ist mehr als das Vierfache des Ziels der EZB von 2 Prozent.

Was halten Sie von der Inflation?

Noch vor einigen Quartalen galt die Inflation als vorübergehend. Die Erholung nach COVID, die Störungen in den Lieferketten und der Höhenflug der Rohstoffpreise vor dem Hintergrund des russisch-ukrainischen Konflikts fachten jedoch die Inflation weiter an, bis sie den gesamten Warenkorb betraf. Hinzu kommt die Schwäche des Euro gegenüber dem US-Dollar. Dadurch werden die Importe teurer, was ebenfalls die Inflation fördert.

In diesem Jahr dürfte die Inflation leider sehr hoch bleiben. Obwohl 2023 ein Rückgang erwartet wird, zeigen die Inflationserwartungen, dass sie wohl über dem EZB-Ziel verharren wird. Vor dem Hintergrund einer galoppierenden Inflation muss die EZB handeln, um glaubwürdig zu bleiben, zumal Kritiker zunehmend unterstreichen, sie hätte zu lange mit der schrittweisen Normalisierung der Geldpolitik gewartet.

Welche direkten Auswirkungen haben diese Entscheidungen der EZB?

Mittelfristig belasten die Entscheidungen der EZB die Nachfrage der Wirtschaftsakteure, weil sie die Wachstumsaussichten eintrüben. Die von der EZB beschlossenen Zinserhöhungen dürften zu einer Verteuerung der Kredite führen, was die Konsumbereitschaft der Verbraucher und die Investitionsbereitschaft der Anleger in Mitleidenschaft zieht.

Angesichts der historisch niedrigen Zinsen und des aktuellen Inflationsumfelds dürften die ersten Zinserhöhungen die Wirtschaft kaum beeinflussen, da die Realzinsen, d. h. die Differenz zwischen der Inflation und dem Zinssatz, vorerst niedrig bleiben werden.

Stehen wir am Anfang einer Reihe von Erhöhungen?

Die von der EZB zu lösende Gleichung ist sehr kompliziert, da es sich um einen echten Balanceakt handelt. Die Geldpolitik muss so ausgerichtet sein, dass die EZB ihr Ziel der Preisstabilität erreichen kann, ohne die europäische Wirtschaft in eine Rezession zu stürzen.

Wie bereits erwähnt, dürfte die Normalisierung der Geldpolitik schrittweise und in regelmäßigen Abständen erfolgen. Also ja, in den nächsten Quartalen ist mit einer Reihe von Zinserhöhungen zu rechnen. Auch wenn die Maßnahmen die Teuerung nicht sofort beeinflussen, da bestimmte Preise unelastisch sind, sollen diese Zinserhöhungen vor allem den Inflationserwartungen der Wirtschaftsakteure ein Ende setzen und somit die Glaubwürdigkeit der EZB-Maßnahmen stärken.

Also könnte der Einlagenzins, wie eingangs angedeutet, zum Jahresende 100 Basispunkte übersteigen. Die Zinserhöhungen dürften sich 2023 fortsetzen und den Einlagenzins im zweiten Halbjahr 2023 entsprechend den Zinserwartungen der Märkte auf mehr als 150 Basispunkte anheben.